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Dokumentarrische Recherche 1916-1920 (2017)
Briefwechsel Hesse - Anny/Hermann Bodmer (2013)
Hesse-Handbuch (2012)
Sekundärbibliographie (2007)
Beitrag über Hesses Bibliographen (2001)

Dokumentarrische Recherche 1916-1920

Neuerscheinung Mai 2017




Rezensionen / Leserbriefe

Enkel Silver Hesse (Zürich) schreibt am 20.6.2017:
(...) zuerst möchte ich für Ihr Buch danken. "Der Vogel kämpft sich aus dem Ei“ war in den letzten Wochen meine wichtigste Lektüre, die ich mit grossem Interesse gelesen habe. Wenngleich ich die meisten Briefe kannte, ist es nun möglich, diese Krisenjahre meines Grossvaters erstmals im Quervergleich eines intensiven Briefwechsels mit Freunden und Mäzenen zu verfolgen.
Ihre Recherchearbeit, die ja auch andere Quellen berücksichtigt, ist auch sehr wertvoll insbesondere zum Verständnis seiner Beweggründe und Zwänge, die in den schwierigen Ehe- und Trennungsjahren sein Handeln ganz wesentlich diktierten. Bereits mein Vater Heiner hat den Verlauf der Jahre 1918-20 minutiös rekapituliert und vor allem die vielfältigen Aktivitäten von Mia festgehalten, die in jener Zeit ihr Lebensdasein stark auf die Kinder ausrichtete.
Das Buch ist allen Lesern, die sich mit den sog. Krisenjahren (noch vor den ebenfalls schwierigen ‚Steppenwolfjahren‘ der 2. Ehe) befassen wollen, zur Lektüre empfohlen.
Mit dem aufrichtigen Dank für das wertvolle Dokument (...)

Aus dem Brief einer Leserin aus dem Rheinland im Juni 2017:

[…] Es ist so lohnend! In den verzweifelnden Momenten Hesses, sind Freunde da, selbst die Brüder Von Maria Hesse versuchen, nach den Belehrungen über die Pflichten eines Ehemannes und Vaters, die Wogen zu glätten und nach Hilfen zu suchen, jedoch nicht in finanzieller Sicht, da helfen Freunde. Es ist unwahrscheinlich, was Sie […] an Material hier hervorgebracht und gelesen, geordnet zu einem hoch informativen Ganzen gestaltet haben, eine große Freude für die Leser.
Dieses, Ihr Buch, hat den Titel „ Recherche „ voll getroffen. Sie führen behutsam durch diese schwere Zeit und lassen die Briefe sprechen. Man kann die Zeit 1916-1920 exakt, fast Tag für Tag miterleben. […]


Michael Limberg (Hesse-Forscher) schreibt am 13.7.2017
[...] Kürzlich habe ich Ihre umfangreiche Dokumentation beendet und war sehr beeindruckt. Ich hatte, ehrlich gesagt, für mich nicht viel Neues erwartet, sah mich aber dann getäuscht. Was Sie alles in den diversen Archiven zu Tage gefördert haben, ist beachtlich und eine wichtige Ergänzung zu den bisherigen Erkenntnissen. Gratulation. [...]

Mathias Iven: Ein Schriftsteller in der Krise.
In: Das Blättchen. Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Berlin. Jg. 20, Nr. 15, S. 21-22 vom 17. Juli 2017
Es gibt, wie Volker Michels urteilt und auch der Rezensent ohne Einschränkungen betont,
bisher keine tiefergehende und detailliertere, ausschließlich an den Quellen ausgerichtete
Darstellung von Hermann Hesses Leben in den Jahren zwischen 1 916 und 1 920. Präsentiert
wird sie von Jürgen Below, der mit seiner fünf Bände umfassenden Hesse-Bibliographie und
dem von ihm herausgegebenen Hesse-Handbuch bereits zuvor wichtige Forschungsbeiträge
geleistet hat.
Im Frühjahr 1 916 spürte Hesse die Vorzeichen einer sich anbahnenden schwierigen Zeit. Seiner
Schriftstellerkollegin Helene Welti gestand er: „Bei mir ist auch eine Krisis im Werden, wobei
freilich das Körperliche nur eine nebensächliche, wenn auch symbolische Bedeutung hat.“
Wohin, so fragte er sich, würde ihn seinWeg führen: „vielleicht in die ,Welt‘ zurück, vielleicht in
noch engere Einsamkeit und Selbstbeschränkung“? – Drei Dinge bestimmten die Jahre bis zum
Ende des ErstenWeltkrieges, die Below zu Beginn seines Buches in den Blick nimmt. Einerseits
waren das die psychoanalytischen Sitzungen bei Dr. Josef Bernhard Lang, in deren Zusammenhang
Hesse nicht nur ein „Traumtagebuch“ führte, das seinen literarischen Niederschlag im 1 917
erschienenen Roman „Demian“ fand. Vor allem sollte er die Malerei als neue künstlerische Ausdrucksform
für sich entdecken. Andererseits kann Below auf der Grundlage bisher ungedruckter
Quellen zeigen, welchen Einfluss Hesses Besuche in der Pension Neugeboren in Locarno – im
Umfeld der von ihm bereits 1 906 besuchten Künstlerkolonie des Monte Verità – hatten. Und
schließlich wird der Kontakt zu Johannes Nohl beleuchtet, der als sogenannter Laienanalytiker in
Bern und Ascona zeitweise eine Praxis betrieb und in dessen Obhut sich Hesse begab. Als Nohl
in seine Behandlung allerdings Hesses Frau Mia einbezog, kam es zu einem „therapeutischen
Desaster“, das nicht nur negative Folgen für das Verhältnis zwischen den Ehepartnern hatte, sondern
vor allem dem Gesundheitszustand von Mia abträglich war.
Der mit Hesse befreundete Maler Hans Sturzenegger erhielt im Dezember 1 918 die Mitteilung:
„Meine Ehe ist zerstört, meine Frau gemütskrank, die Kinder fort, dazu Geldsorgen und das Elend
in meiner Heimat. Ich kämpfe, um aufrecht zu bleiben.“ Und im „Kurzgefaßten Lebenslauf“ wird
ein paar Jahre später zu lesen sein: „Mit dem Ende des Krieges fiel auch die Vollendung meiner
Wandlung und die Höhe der Prüfungsleiden zusammen. […] Ich war ganz in mich selbst und ins
eigene Schicksal versunken, allerdings zuweilen mit dem Gefühl, es handle sich dabei um alles
Menschenlos überhaupt.“
Aufschlussreich für diese Zeit ist auch der Briefwechsel mit dem Juristen Johann Wilhelm
Muehlon. Als diesem im Februar 1 919 das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten angetragen
wurde, bot er seinerseits Hesse eine Mitwirkung in der Regierung an. Dieser war nicht
nur erschrocken über das Angebot und die falsche Vorstellung, die man sich von seiner Person
machte: „Die Verlockung, jetzt nach Deutschland zu gehen und im allgemeinen Elend und Be22
trieb mit unterzugehen, verspüre ich wohl, sehe aber nur eine Abart von Selbstmordgedanken
darin. Meine Natur treibt ganz woanders hin.“
Der umfangreichste Teil des Buches zeigt, wohin es Hesse im Frühjahr 1 919 trieb. Im schweizerischen
Montagnola fand er ein neues Zuhause. Was seine zukünftige literarische Arbeit anging,
so hatte Hesse klare Vorstellungen. Hermann Missenharter, der ihn für eine Mitarbeit an der neugegründeten
Monatsschrift „Der Schwäbische Bund“ gewinnen wollte, erhielt dahingehend eine
unmissverständliche Absage: „Nein, das Schreiben auf Befehl und zu einem bestimmten Datum
will ich nie wieder anfangen, und auch nicht, wenn Ihr mich verhungern lasset.“
Trotz aller Widrigkeiten wurden die kommenden Monate „zu einem außerordentlichen und
einmaligen Erlebnis“ für Hesse. „Atmosphäre, Klima und Sprache des Südens“ verhalfen ihm
zu neuer Produktivität, und schon bald ging er mit Ruth Wenger, seiner zukünftigen zweiten
Frau, eine neue Beziehung ein. Über all dem stand jedoch die Sorge um Mia und seine Söhne.
Auf der Grundlage bisher unveröffentlichter Korrespondenzen aus dem von Volker Michels aufgebauten
Hesse-Editionsarchiv und dem Marbacher Literaturarchiv werden die damit einhergehenden
Umstände von Below erstmals ausführlich rekonstruiert.
Ende 1 919 war Hesses Zukunft weiterhin ungewiss. In aller Bescheidenheit hieß es in einem
seiner Briefe: „Ein Dach über sich zu haben und Papier zum Schreiben, dann ist das Leben
schön.“ – – – Bleibt am Schluss die Frage, die auch von Below nicht beantwortet werden kann:
Wie wäre Hermann Hesses schriftstellerische Entwicklung ohne diese Zäsur verlaufen?
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